Gasometer Presseschau
Diese Gasometer-Presseschau umfasst alle Artikel der Tages- und Wochenpresse seit dem Gemeinderatsbeschluß zum Umbau der leeren Gasometer-Hüllen zum Wohn- und Geschäftszentrum von 1996. Der Zeitraum reicht bis zum Jahr 2003.

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2003

 

In 15 Minuten zur Mariahilfer Straße (29. Jänner 2003)
Das Beste am Shopping-Center in den Gasometern ist die schnelle Anbindung via U 3 an die Mariahilfer Straße. Das ist keine billige Polemik, sondern beinahe schon Tenor unter den Bewohnern der vier Türme.
Edith Tröstl-Böhm vom Turm C ist mit dem Wohnen „sehr zufrieden." Die Zufriedenheit mit dem Shoppingcenter hält sich jedoch in engen Grenzen: „Dort ist nicht viel los und am Abend schon gar nichts," meint sie, „mit den Einkaufsmöglichkeiten bin ich sehr unglücklich, das gehörte breiter gestreut." Es gäbe haufenweise Modengeschäfte und alleine fünf Schmuckläden, aber kein Elektrogeschäft mit CDs, keinen Tchibo, keine Nordsee. Und dann das Killer-Argument: „Aber mit der U 3 geht's eh in 15 Minuten in die Mariahilfer Straße."
Ein ähnliches Bild bei Andreas Pöschek, Obmann des Vereins der Freunde des Gasometer und treibende Kraft hinter der aktiven Community: „Sehr zufrieden" ist er mit der Wohnqualität; aus der Shoppingcenter-Not macht er eine Tugend: „Es ist schon wenig los, das macht das Einkaufen aber angenehm." Viele Schaulustige spazieren nur durch, beobachtet er, Pensionisten mit hoch gestreckten Köpfen und Touristen mit Kamera am Arm.
Etwas positiver stellt sich die Gastronomie dar: „Es gibt schon Tage, wo wir ins Schwitzen kommen," erklärt Nico Falcomer von der CafeÂ-Bar Harry Holzer, „mittags sind wir voll, abends mal so, mal so." Sein Problem ist sowieso anders geartet: Die Zugluft, die durch die automatische Schiebetür schlüpft und seine Gäste frösteln lässt, bekämpft er schon mittels Unterschriftensammlung.
NEUPOSITIONIERUNG Der neue Center-Manager Manfred Ferstl räumt ein, mit „Anpassungsschwierigkeiten" zu kämpfen. „Das ist bei jedem neuen Shopping-Center normal," sagt er, „dazu kommt auch noch die schwierige Konjunktursituation." Die Neupositionierung sei jedenfalls im Gange, der Fokus liege jetzt auf einem breiten Publikum: „Wir brauchen die Familien. Darauf werden sich auch die Modegeschäfte, etwa H & M, einstellen." Hoffnung gibt es auch für Frau Tröstl-Böhm: „Die Lücke im Elektronikbereich soll bald geschlossen sein," verspricht Ferstl.

 

Die Bewohner der Gasometer sind zufrieden (29. Jänner 2003)
Studie brachte positives Ergebnis - nur der Branchenmix bei den Geschäften stößt auf Kritik
von Anton Bina und Hannes Uhl
Unkenrufe gab's genug, als das futuristisch anmutende Wohnprojekt in den Simmeringer Gasometern geboren wurde. Lichtmangel und Trostlosigkeit der Umgebung könnte die Bewohner in Depressionen treiben, der Lärm der unterirdischen Veranstaltungshalle werde einen weiteren Störfaktor darstellen, lauteten die hauptsächlichen Bedenken.
Dass sich angesagte Fehlplanungen nicht unbedingt bewahrheiten müssen, beweist eine brandneue Studie, die einen repräsentativen Querschnitt der Bewohner aller vier Gasometer erfasste. Die Befragung ergab, dass in der Gasometer-City (fast) alles paletti ist.
Die Befragten bestätigten, dass den Architekten bezüglich der Belichtung jener Wohnungen, die in den denkmalgeschützten Rundtürmen liegen, ein Kunststück gelungen ist. Kein Befragter äußerte das Gefühl, „unterbelichtet" zu leben oder sich eingesperrt zu fühlen. Daher ist auch von Depressionsanfälligkeiten nichts bekannt.
Keine Kritik gab's am Lärm, der von der Veranstaltungshalle auszugehen drohte. Auch in diesem Fall gelang den Architekten, die die Halle perfekt isolierten, das versprochene Kunststück.
Und die Wohnumgebung finden die „Gasometerianer" schon deswegen super, weil sie via U 3 perfekt an den Rest von Wien angeschlossen sind und über einen Fuß- und Radweg binnen weniger Minuten das Erholungsparadies Prater erreichen können.
KRITIK Mit einhelliger Kritik wurden die Befrager nur dann konfrontiert, wenn sie auf die Qualitäten der im Erdgeschoß der vier Gasometer untergebrachten Geschäftszeilen angesprochen wurden. Da ist von einem mangelhaften Branchenmix die Rede. Es fehle an einem gut bestückten Elektronik-Shop ebenso wie an breiteren Textilangeboten. Auch die Gastronomie bedürfe einer Ausweitung.
Hintergrund: Die ursprüngliche Rechnung, wonach die U-Bahn massenhaft Konsumenten in die Malls spülen werde, ist nicht aufgegangen. Geschäfte mussten zusperren, eine Umstrukturierung ist im Gang.
Wohnbaustadtrat Werner Faymann - „wir haben die Studie nicht gemacht, um uns zu berühmen, sondern um daraus zu lernen" - hofft auf eine baldige Besserung, weil rund um die Gasometer City Bürozentren wachsen.

 

Ein Boulevard für Simmering (1. Februar 2003)
Strukturplan für Gasometervorfeld wurde im Gemeinderat beschlossen
In der Umgebung der Gasometer werden in den kommenden Jahren die Baumaschinen nicht zur Ruhe kommen. Der Wiener Gemeinderat hat am Mittwoch den Strukturplan für die Stadtentwicklungsgebiete südlich der Gasometer - den „Mehrwert Simmering" - einstimmig beschlossen.
Für die geregelte Entwicklung dieses bisher offenen Stadtrands wurde das städtebauliche Leitbild Mehrwert Simmering erarbeitet. Die künftige Gestaltung, die Funktion und die Nutzung wurden darin in einem Etappenplan festgelegt. Dadurch sollen die Gasometer stärker mit Simmering verbunden werden.
RÜCKGRAT Eine boulevardartige Geschäftsstraße zwischen den U-Bahn-Stationen Gasometer und Zippererstraße ist als städtebauliches Rückgrat vorgesehen. Kernstück einer neuen Freizeit- und Erholungslandschaft wird ein zentraler Park mit großem Teich sein. Fuß- und Radwege sollen bestehende Grünflächen wie den Hyblerpark mit neuen Grün- und Sportflächen verbinden. Im Vollausbau werden Wohnungen für 1600 Menschen und über 6000 Arbeitsplätze geschaffen sein.
Voraussetzung für dieses Projekt ist allerdings, dass die einzelnen Entwicklungsschritte in Abstimmung mit der sozialen Infrastruktur ablaufen. Daher sind drei Etappen vorgesehen.
In der ersten Phase werden Impulsprojekte verwirklicht, die bereits in Planung oder Bau sind und bis 2005 fertig gestellt werden, z. B. der Standort der Firma Huber Trikot oder das Wohnbauvorhaben Aufbau.
In der nächsten Phase (2006 bis 2010) kommen Standorte an die Reihe, für die bereits Interessenten gefunden sind oder für die Grundstückstransaktionen zur Diskussion stehen: Beispiele wären eine Volksschule südlich der Hallergasse, der Gasometerpark oder das Bebauungsprojekt „Am Eisteich". Der Vollausbau des Verkehrsnetzes und des Zentralparks wird erst ab 2010 verwirklicht werden.

 

Shopping-Mall (16. Februar 2003)
Bald kann man im Gasometer auch Elektronik und CDs kaufen.
Wenn das Projekt Gasometer eine Kinderkrankheit hat, dann ist es das Einkaufszentrum - genauer gesagt, der Branchenmix in der Shopping-Mall. In einer Bewohner-Befragung (siehe Seite 8) wurden die Einkaufsmöglichkeiten eher schlecht bewertet. Dem soll abgeholfen werden: Das Warenangebot wird verbessert.
Modegeschäfte gibt es genug, und gleich fünf Schmuckläden buhlen in den Gasometern um Kundschaft. Dafür gibt es keine Möglichkeit, elektronische Geräte oder CDs zu kaufen. Auch nach einem Kaffee- oder Fischgeschäft sucht man vergeblich. Dem entsprechend zeigen sich viele Besucher nicht in Kauflaune, sondern spazieren nur durch die Mall und bewundern die Architektur.
Verbesserungen sind bereits geplant: Center-Manager Manfred Ferstl spricht von „Anlaufschwierigkeiten", wie sie in jedem neuen Einkaufszentrum auf der Tagesordnung stehen. Die Geschäfte würden sich neu positionieren und auf ein breites Publikum setzen. Auch Elektronik soll man schon bald im Gasometer erstehen können.
Greifen die Änderungen erst einmal, soll das Einkaufsvergnügen nicht nur nahe, sondern auch groß sein. Bis dahin bleibt immer noch die U 3 in die Mariahilfer Straße.

 

Hohe Zufriedenheit der Gasometer Bewohner (16. Februar 2003)
Studie ergab Bestnoten für Raumaufteilung, Sicherheit, Lichteinfall
Ein gutes Zeugnis erhielt die Gasometer-City kürzlich von ihren Bewohnern. Die Stadtverwaltung gab eine Studie in Auftrag, in der die „Gasometerianer" nach ihrer Zufriedenheit mit dem neuen Quartier befragt wurden. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Die Mieter geben ihre Wohnzufriedenheit mit der Schulnote 1,5 an. Die Noten 4 und 5 wurden kein einziges Mal vergeben.
Vor allem Architektur, Sicherheit, Helligkeit, Verkehrsanbindung technische Ausstattung, Einkaufsmöglichkeiten und die ähnlich gelagerten Interessen mit den Nachbarn haben es den Bewohnern der vier Türme an der Simmeringer Haide angetan. Als verbesserungswürdig erachten die Mieter das Sport- und Freizeitangebot, die Grünraumgestaltung sowie den Branchenmix in der Shopping-Mall.
SICHER UND HELL Die besten Werte gibt es auf die Fragen nach Raumaufteilung, technischer Ausstattung und Sicherheit der Wohnung: 80 Prozent sind sehr oder eher zufrieden. In Sachen Helligkeit und Lichteinfall gibt es sogar 92 Prozent Zustimmung, die Zufriedenheit mit der Verkehrsanbindung beträgt 90 Prozent. Die relativ geringste Zufriedenheit (Schulnote 2,3) gilt dem Sport- und Freizeitangebot.
„Es ist natürlich erfreulich und Wien ist stolz darauf, dass Wohnprojekte wie die Gasometer-City internationale Beachtung finden. In erster Linie bauen wir aber für die künftigen Bewohner; zentrales Ziel ist deren Zufriedenheit", freuen sich Bürgermeister Michael Häupl und Wohnbaustadtrat Werner Faymann.
Übrigens: Jeder zweite Einwohner der Gasometer-City ist 25 bis 35 Jahre alt; ein Viertel dieser Gruppe wurde über das Internet auf das neue Apartment aufmerksam.

 

Simmering soll mitreden (18. Februar 2003)
Grüne werden im Bezirksparlament „Mehrwert Simmering" thematisieren
von Werner Windhager
Die Gegend um die Gasometer wird sich in den kommenden Jahren drastisch verändern. Wo jetzt noch unverbautes Gelände mit zum Teil namenlosen Straßen liegt, ist ein neuer Stadtteil im Entstehen.
Dass ein derartiges Großprojekt an der Simmeringer Bezirkspolitik nicht spurlos vorbei gehen kann, versteht sich von selbst. In der morgigen Bezirksvorstehungssitzung werden daher die Grünen Simmering entsprechende Anfragen stellen: „Der Mehrwert Simmering ist natürlich ein großes Thema", so Klubobmann Patricio Diaz.
„Es geht uns vor allem darum, dass die Bezirksvertretung und die Stadt mit den Anrainern in Kontakt treten und sie über die geplanten Vorhaben informieren", sagt Diaz. „Bei einem derartigen Großprojekt wäre es nötig, dass die Menschen auch eigene Vorschläge einbringen können."
Natürlich ist den Grünen auch die verkehrsmäßige Erschließung des Gebiets ein Anliegen. Im Konzept ist vorgesehen, die ehemalige Trassenführung der B 228 - von den Simmeringern „Gemüseautobahn" genannt - neu zu überdenken. Die neue Trasse „Nussbaumallee" soll demnach vorrangig Erschließungs- und Sammelfunktion haben und nicht dem Durchzugsverkehr dienen.
„Den Plänen nach ist die Nussbaumallee allerdings vierspurig konzipiert", so Diaz. „Da wird das Verkehrsaufkommen natürlich steigen." Davon wären die Anrainer, vor allem die Bewohner der Gasometer, beeinflusst.
MAHNMAL Nicht direkt mit dem Mehrwert Simmering, aber doch mit dem Gasometervorfeld wird sich ein Antrag befassen, für dessen Annahme sich Diaz gute Chancen ausrechnet. „Es gibt bei den Gasometern noch unbenannte Straßen. Eine davon wollen wir nach Rosa Fischer benennen."
Viel mehr als Name, Geburts- und Todestag ist von Rosa Fischer allerdings nicht bekannt. „Beim Gaswerk gab es drei KZ-Außenstellen, in die vor allem ungarische Juden verschleppt und die hier ermordet wurden", sagt Diaz. Rosa Fischer war eine der Ermordeten. „Die Benennung einer Straße nach ihr soll vor allem der Erinnerung an diese Zeit dienen", so Diaz.

 

Wichtiges Freizeitangebot für Bewohner der Türme (21. Februar 2003)
von Werner Windhager
So manch sportlicher Gasometer-Bewohner wirft bereits begehrliche Blicke aus dem Fenster: In der Otto-Herschmann-Gasse 6 legen gerade Handwerker die letzten Griffe am neuen Sportzentrum des KSV-Wiengas an. Am 28. Februar wird es eröffnet.
„Wie haben bereits die ersten Anmeldungen von Leuten, die bisher zum Krafttraining immer nach Oberlaa gefahren sind", sagt Hermann Barthold, Obmann des KSV-Wiengas und Chef der neuen Sportanlage.
Kraft- und Fitnessraum sind mit 27 Geräten ausgerüstet. Wer sich mit dem Gedanken spielt, auch regelmäßig Gewichte zu bewegen, kann sich von den beiden Trainern durchtesten lassen. Und zu Entspannungszwecken nach dem Training stehen zwei Saunakabinen für jeweils 15 Personen zur Verfügung.
Wenn das Wetter passt, werden die sechs Tennisplätze im März in Betrieb genommen. Die Sandplätze sind mit automatischen Beregnungsanlagen ausgestattet - dadurch braucht man auch bei Hitzeperioden nicht in Staubwolken spielen. „Man kann Fixstunden buchen, aber natürlich auch jederzeit spielen, wenn ein Platz frei ist", sagt Barthold. Saisonkartenbesitzer können Stunden und Tage frei wählen.
Barthold kommt vom Sportkegeln. Besonders stolz ist er daher auf die Wettkampf-tauglichen Bahnen im Erdgeschoß. „Auf denen dürfen nur Vereine spielen." Hobbykegler müssen sich aber nicht mit Zuschauen begnügen: Im Obergeschoß befinden sich zwei Kegel- und zwei Bowlingbahnen für reine Gaudi-Partien.
Nicht immer teilen Kinder die sportlichen Interessen ihrer Eltern, was eine Stunde Tennis für diese ziemlich unbefriedigend werden lässt. Daher wird neben den Plätzen ein Kinderspielplatz angelegt. „Wir haben uns bemüht, nicht bloß eine Sportstätte, sondern ein familienfreundliches Freizeitzentrum schaffen", so Barthold.
Die neue Anlage ist der Ersatz für die alten KSV-Sportstätten in der Leopoldau. Insgesamt wurden mehr als 4,3 Millionen investiert.
Das gesamte Angebot kann bei Tagen der offenen Tür am 1. und 2. März, ab 10 Uhr, ausprobiert werden.

AHEAD

 

Living in a box (Februar 2003)
Vergessen Sie den Traum vom Leben auf dem Land. Das Gegenteil ist angesagt: Die Zukunft gehört der Stadt in der Stadt. Schon die nächste Generation wird in „Megaplexen" wohnen, die von der Wiege bis zum Grabe alles bieten &endash; und die man nie wieder verlassen muß.
Text: Chris Haderer
Für acht Menschen begann das Abenteuer 1992 außerhalb von Tucson in Arizona: Für eine bestimmte Zeit sollten sie die Biosphäre der Erde verlassen und in einem versiegelten Spezialbau ihr eigenes kleines Ökosystem erschaffen und weiterentwickeln.
Ziel des Experiments war es, neue Einsichten in den Aufbau des ökologischen Systems der Erde zu gewinnen &endash; einerseits, um weitere Pflanzen- und Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren; andererseits, um die inneren Mechanismen besser zu verstehen, die das Leben auf unserem Planeten überhaupt möglich machen.
Mitten in der Wüste kehrten also einige Wissenschaftler der Erde den Rücken und zogen sich in einen futuristischen, luftdicht isolierten Komplex zurück, in dem ein Stück irdischer Natur „eingelagert" war, das von den Forschern die kommenden zwei Jahre bewohnt wurde. Das Projekt schien anfangs unter einem guten Stern zu stehen, doch dann erwies sich der Isolationskomplex als undicht, und das Experiment mußte vorzeitig abgebrochen werden. Edward P. Bass, amerikanischer Geschäftsmann und Co-Initiator des Forschungsprojekts, suchte nach einer neuen Verwendungsmöglichkeit für das 150 Millionen Dollar teure Ökolabor im Biosphere 2-Komplex &endash; und fand die Universität von Columbia.
Heute ist die künstliche Biosphäre mit ihrem knapp drei Hektar großen „Kunstwald unter Glas" nicht nur die größte Einrichtung zur Erforschung des Wachstumsverhaltens von Pflanzen und der Veränderung klimatischer Gegebenheiten, sondern auch ein beliebtes Ausflugsziel. Jeden Herbst kommen ganze Herrscharen von Studenten auf das Gelände, um den Nachbau der Natur mitzuerleben.
„Es war tatsächlich so, als hätten wir Menschen auf einen anderen Planeten geschickt", erinnert sich Bass an den Start des ersten Projekts. „Wir haben mit Biosphere 2 sozusagen ein Raumschiff ohne Triebwerke gebaut." Die Analogie des schwerreichen Initiators ist nicht ganz aus der Luft gegriffen: Im Fundus der Science Fiction sind „Lebenskuppeln", die Menschen vor einer kollabierten und/oder lebensfeindlichen Umwelt schützen, beliebte Schauplätze. So erinnert die Wüsten-Biosphäre auf den ersten Blick an die Mondbasis aus der britischen TV-Serie UFO, die in den Seventies Furore machte. Noch näher dran war der Hollywood-Streifen Silent Running, in dem die letzten Naturreservate in kuppelähnlichen Raumstationen untergebracht sind. Als die politische Lage auf der Erde umkippt und Bruce Dern als Weltraumförster den Befehl zur Zerstörung der Biokonserven erhält, dreht er durch und entführt die Reste der irdischen Flora und Fauna auf eine Reise in die Tiefen des Weltraums. Von einer künstlichen Sonne beschienen, bewegen sich Wälder, Pflanzen und Tiere eine kleine Ewigkeit lang durch einen tödlichen, menschen- und luftleeren Raum &endash; mit dem Modell eines ganzen Planeten an Bord, der so nicht mehr existiert.

A roof over Asia
In der SF-Literatur wiederum sind die Städte des 21. Jahrhunderts längst zu ganzen Landstrichen zusammengewachsen, zum „Sprawl", wie William Gibson solche urbanen Konglomerate in seiner legendären Neuromancer-Trilogie nennt. Ist beispielsweise der Hollywood Boulevard in Los Angeles schon heute eine Landstraße mit einer Länge von etwa 60 Kilometer, so träumen die Städteplaner bereits von noch größeren Komplexen, die keinen Anfang und kein Ende mehr haben.
Für Andy Xie, Wirtschaftsfachmann bei der Investment-Firma Morgan Stanley Dean Witter in Hongkong, sind sogar Städte mit einer Bevölkerungsdichte ganzer Staaten vorstellbar. „Untersuchungen zufolge muß China in den nächsten 20 Jahren jährlich Arbeit und Wohnmöglichkeiten für knapp 12 Millionen Menschen aus dem Boden stampfen", sagt Xie. „Der billigste und ökonomischste Weg dazu ist der rasante Ausbau bereits existierender Städte zu Mega-Cities." Xie, dessen Thesen nicht unumstritten sind &endash; zumal er keinerlei Konzepte präsentieren kann, wie beispielsweise die Sicherheit für die Bewohner der Staat-Städte garantiert wird &endash; vertritt den Ansatz „the bigger, the better".
Ein modernes Transportsystem soll die Superstädte der Zukunft benützbar machen, High-Tech-Telekommunikation für die sozialen und beruflichen Bedürfnisse ihrer Bewohner sorgen.
Vor allem im asiatischen Raum, wo der Bevölkerungsdruck enorme Ausmaße annimmt, gehen immer mehr Architekten und Finanziers mit derartigen Megaplexen schwanger. Ganze Straßenzüge werden zu „Arkologien" umgebaut, die in ihrem Inneren alles bieten, was der wohlhabende Durchschnittsbürger zum Leben braucht &endash; von Wohnungen und Spitälern über Einkaufszentren und Friseurläden bis hin zu Restaurants und Entertainment-Möglichkeiten. Niemand wird diese von privaten Sicherheitsfirmen kontrollierten und überwachten Riesenbauwerke mehr verlassen müssen, um seine Bedürfnisse zu stillen.
Die Megastädte der Zukunft, in denen die Bevölkerung von halb Kanada Platz finden soll, sollen in „Dörfer" unterteilt sein &endash; Lebenseinheiten, die jede für sich wie autonome Komplexe funktionieren. Zhou Yixing, Geographieprofessor an der Universität von Peking, ortet die chinesische Metropole, aber auch Städte wie Tianjin und Shanghai als natürliche Kandidaten für den Umbau zur sogenannten „Megapolis". Alleine die Vernetzung von Peking und Tianjin würde knapp 20 Millionen Menschen und ein Gebiet mit einer Länge von mehr als 110 Kilometer betreffen.
Während Experten wie Xie und Yixing das Loblied von der Megastadt singen, sehen andere Wissenschaftler diesen angeblichen Trend eher skeptisch &endash; wie beispielsweise John Sloghert von der legendären US-Ideenschmiede MIT (Massachussetts Institute of Technology). „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß eine Stadt mit solchen Ausmaßen lebenswert sein soll", formuliert er seine Zweifel. Auch das Zusammenwachsen von Wohn- und Shopping-Komplexen zu „autonomen" Anlagen ist ihm nicht ganz geheuer: „Was wird der nächste Schritt sein, wenn wir sämtliche Malls mit Wohnbereichen ausgestattet haben und mitten im Einkaufszentrum leben? Werden sich die Wohnanlagen dann auch Friedhöfe, Krematorien und Behandlungsräume zulegen, um wirklich autonom zu sein? Wird es in 20 Jahren normal sein, sein ganzes Leben mehr oder weniger in einer einzigen Anlage zu verbringen?"
Eine bizarre Vorstellung, die von der Realität im Moment zwar noch weit entfernt ist, aber in immer greifbarere Nähe rückt: „Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten", sagte etwa UNO-Generalsektretär Kofi Annan anläßlich der Eröffnung von Urban 21 (einer Weltkonferenz zur Zukunft der Städte) im Jahr 2000. „In nur 25 Jahren werden zwei Drittel aller Menschen in Städten leben." Das rascheste Wachstum werde in den Entwicklungsländern stattfinden, so Annan.
Dort leben nach UN-Berechnung bereits 27,7 Prozent der Stadtbevölkerung unter der Armutsgrenze. In Afrika südlich der Sahara sind es sogar 41,6 Prozent. „Im besten Fall sind die Städte der Zukunft die Motoren des Wachstums und Brutstätten der Kultur.
Dieselben Städte können aber auch Orte der Ausbeutung, Krankheit, der Gewaltverbrechen und Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und extremen Armut sein."
Laut Annan werde es im Jahr 2025 weltweit knapp 100 Städte mit jeweils mehr als fünf Millionen Einwohnern geben; angeführt von einigen Megastädten mit „über 30 Millionen Einwohnern".

Life in the gasworks
Konkrete Konzepte bleiben die Erbauer der Zukunft bislang allerdings weitgehend schuldig. Lediglich die Richtung wird von Asien bis Wien vorgegeben, wie man zum Beispiel an den größenwahnsinnig anmutenden Büroturm/Einkaufs/Reißbrett-Fun-Komplexen an den Rändern westlicher Städte oder &endash; weitaus exemplarischer &endash; am Wiener Gasometer-Projekt sieht.
Die architektonisch wertvollen ehemaligen Stadtgasbehälter, die bis zur Umwidmung als Wohnhausanlage Anfang der 90er eher ungeliebt im Weg herumstanden, haben in ihrer Kombination von Lebensraum und Entertainment-Bereich europaweit Modellcharakter. Ist man erst einmal in den Mikrokosmos dieses Bauwerks eingedrungen, dann findet man sich als Besucher in einer künstlichen Welt ohne Tageszeiten und Klimaschwankungen. Der Einkaufsbereich mit seinen Geschäften, Shops, Restaurants, Kinos, Banken und kleinen Läden wird zur Hauptstraße, die die Existenzen der Bewohner und Besucher via Kommerz miteinander verbinden soll. Beim Verlassen des Wohnbereichs gelangt man unweigerlich auf den künstlichen Entertainment-Broadway, der zugleich der einzige Weg nach draußen ist. Knapp 800 Wohnungen enthalten die Wiener Gasometer, in Konfektionsgrößen vom Single-Appartment bis zur Familienwohnung, Studentenheim inklusive.
„Die wenigsten Leute, die hier wohnen, arbeiten auch hier", entkräftet der Graphiker und Gasometer-Mieter Ewald Frühwirth vom Start weg das Vorurteil, das Leben im Megaplex würde jeden Kontakt mit der Außenwelt überflüssig machen. „Einige EDV-Experten haben ihre Büros hier, aber ansonsten sind die Menschen bei der Eröffnung von ganz unterschiedlichen Orten hierher gekommen und haben ihre Wurzeln oft noch in anderen Stadtteilen." Frühwirth war einer der ersten, die im Gasometer eingezogen sind, und betreibt heute eine Website, auf der die Aktivitäten in „seinem" Wohnkomplex nachgelesen werden können.
„Bemerkenswert ist die Community, die sich hier recht bald hier gebildet hat", bringt Frühwirth die positiven Aspekte der zukunftsträchtigen Siedlung auf den Punkt. „Praktisch jeder hat Internet in der Wohnung. Wir kommunizieren sehr viel über Message-Boards. Wenn du beispielsweise nicht alleine einen Kaffee trinken gehen willst, schreibst du eine kurze Nachricht &endash; und du bekommst mit Sicherheit Gesellschaft."
Gerade weil das Leben im Gasometer nicht perfekt ist (die Probleme reichen von rostenden Türschlössern bis hin zu verschneiten Gängen, in denen sich kleine Biotope bilden), halten die Leute zusammen.
Bislang gab es in den Wiener Gasometern erst einen Selbstmord: Im Frühjahr 2002 nahm sich ein junges Mädchen in seiner Wohnung das Leben. Hier versagte die gelobte Community; das Opfer wurde erst nach über einer Woche gefunden, als die Geruchsbelästigung in den Nachbarwohnungen zu stark wurde.
Für Ewald Frühwirth spricht das aber nicht gegen das Funktionieren der Gasometer-Community: „Den Selbstmord hätte man vermutlich auch woanders nicht verhindern können", meint er. Die Menschen sind eben nicht alle gleich, und die neugegründete Gemeinschaft soll zwar Verbindungen schaffen, aber niemanden normieren.
Von seinem Arbeitszimmer aus kann der Graphiker auf den Bezirk Simmering hinunterschauen &endash; noch, denn schon im kommenden Jahr wird ihm ein 70 Meter hoher Büroturm, der sich gerade in der Planungsphase befindet, die Aussicht verstellen. Der Blick in einen künstlichen Innenhof kann einen bizarren Eindruck nicht verleugnen: Selten findet man anderswo im sechsten Stock Bäume, einen gefällig geschnittenen Rasen mit Sträuchern und eine Stahlkonstruktion, die sich wie ein Spinnengeflecht über den Himmel erstreckt. Vom kreisförmigen Innenhof aus gesehen, wirken die auf den Einkaufsbereich aufgesetzten Wohntürme wie die bemühte Nachbildung eines Sozialbaus im Arbeiterviertel. Anders als bei Biosphere 2 sind Flora und Fauna allerdings dem Wiener Wetter ausgesetzt; was auf den ersten Blick wie eine Lebenserhaltungskuppel aussieht, ist nämlich alles andere als ein undurchlässiger Deckel. „In den Gasometern regnet und schneit es, wie überall anders auch", sagt Frühwirth.
Hinter der Stahlkonstruktion liegt eine tote Stadt. In unmittelbarer Umgebung der Gasometer gibt es nichts, was den Weg „nach draußen" lohnen würde. Im Ansatz sind sich die Gasometer und die Biosphere-Wüstensiedlung also recht ähnlich: sie ermöglichen uns den Blick auf jene Welt, die nach dem Umweltkollaps auf uns wartet. Bloß, daß die Dachkonstruktion dann luftdicht sein wird…

 

Neue Ideen für das Einkaufszentrum (26. Februar 2003)
Ein Mini-Disneyland soll das Einkaufszentrum in den Gasometern in Wien-Simmering retten: Mit Kasperl & Co wollen die Manager die Umsätze in den 70 Geschäften ankurbeln.
Die Kunden sind in der G-Town, wie sich das Einkaufszentrum nennt, bisher ausgeblieben. Schuld daran ist auch die Werbung, heißt es. Sie sei zu cool gewesen und hätte die Erwartungen nicht erfüllt. Selbst die Mieter der Wohnungen direkt in den Gasometern sind unzufrieden &endash; der Branchenmix in der G-Town sei nicht der beste. Die Shopmanager starten nun quasi neu: Mehr Kunden anziehen soll ein 2.000 Quadratmeter großer Elektro-Großmarkt, der im Herbst eröffnet und eben des Mini-Disneyland &endash; Betreiber ist ein deutsches Unternehmen.


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