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Living in a box (Februar 2003)
Vergessen Sie den Traum vom Leben auf dem Land. Das Gegenteil ist angesagt: Die Zukunft gehört der Stadt in der Stadt. Schon die nächste Generation wird in „Megaplexen" wohnen, die von der Wiege bis zum Grabe alles bieten &endash; und die man nie wieder verlassen muß.
Text: Chris Haderer
Für acht Menschen begann das Abenteuer 1992 außerhalb von Tucson in Arizona: Für eine bestimmte Zeit sollten sie die Biosphäre der Erde verlassen und in einem versiegelten Spezialbau ihr eigenes kleines Ökosystem erschaffen und weiterentwickeln.
Ziel des Experiments war es, neue Einsichten in den Aufbau des ökologischen Systems der Erde zu gewinnen &endash; einerseits, um weitere Pflanzen- und Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren; andererseits, um die inneren Mechanismen besser zu verstehen, die das Leben auf unserem Planeten überhaupt möglich machen.
Mitten in der Wüste kehrten also einige Wissenschaftler der Erde den Rücken und zogen sich in einen futuristischen, luftdicht isolierten Komplex zurück, in dem ein Stück irdischer Natur „eingelagert" war, das von den Forschern die kommenden zwei Jahre bewohnt wurde. Das Projekt schien anfangs unter einem guten Stern zu stehen, doch dann erwies sich der Isolationskomplex als undicht, und das Experiment mußte vorzeitig abgebrochen werden. Edward P. Bass, amerikanischer Geschäftsmann und Co-Initiator des Forschungsprojekts, suchte nach einer neuen Verwendungsmöglichkeit für das 150 Millionen Dollar teure Ökolabor im Biosphere 2-Komplex &endash; und fand die Universität von Columbia.
Heute ist die künstliche Biosphäre mit ihrem knapp drei Hektar großen „Kunstwald unter Glas" nicht nur die größte Einrichtung zur Erforschung des Wachstumsverhaltens von Pflanzen und der Veränderung klimatischer Gegebenheiten, sondern auch ein beliebtes Ausflugsziel. Jeden Herbst kommen ganze Herrscharen von Studenten auf das Gelände, um den Nachbau der Natur mitzuerleben.
„Es war tatsächlich so, als hätten wir Menschen auf einen anderen Planeten geschickt", erinnert sich Bass an den Start des ersten Projekts. „Wir haben mit Biosphere 2 sozusagen ein Raumschiff ohne Triebwerke gebaut." Die Analogie des schwerreichen Initiators ist nicht ganz aus der Luft gegriffen: Im Fundus der Science Fiction sind „Lebenskuppeln", die Menschen vor einer kollabierten und/oder lebensfeindlichen Umwelt schützen, beliebte Schauplätze. So erinnert die Wüsten-Biosphäre auf den ersten Blick an die Mondbasis aus der britischen TV-Serie UFO, die in den Seventies Furore machte. Noch näher dran war der Hollywood-Streifen Silent Running, in dem die letzten Naturreservate in kuppelähnlichen Raumstationen untergebracht sind. Als die politische Lage auf der Erde umkippt und Bruce Dern als Weltraumförster den Befehl zur Zerstörung der Biokonserven erhält, dreht er durch und entführt die Reste der irdischen Flora und Fauna auf eine Reise in die Tiefen des Weltraums. Von einer künstlichen Sonne beschienen, bewegen sich Wälder, Pflanzen und Tiere eine kleine Ewigkeit lang durch einen tödlichen, menschen- und luftleeren Raum &endash; mit dem Modell eines ganzen Planeten an Bord, der so nicht mehr existiert.
A roof over Asia
In der SF-Literatur wiederum sind die Städte des 21. Jahrhunderts längst zu ganzen Landstrichen zusammengewachsen, zum „Sprawl", wie William Gibson solche urbanen Konglomerate in seiner legendären Neuromancer-Trilogie nennt. Ist beispielsweise der Hollywood Boulevard in Los Angeles schon heute eine Landstraße mit einer Länge von etwa 60 Kilometer, so träumen die Städteplaner bereits von noch größeren Komplexen, die keinen Anfang und kein Ende mehr haben.
Für Andy Xie, Wirtschaftsfachmann bei der Investment-Firma Morgan Stanley Dean Witter in Hongkong, sind sogar Städte mit einer Bevölkerungsdichte ganzer Staaten vorstellbar. „Untersuchungen zufolge muß China in den nächsten 20 Jahren jährlich Arbeit und Wohnmöglichkeiten für knapp 12 Millionen Menschen aus dem Boden stampfen", sagt Xie. „Der billigste und ökonomischste Weg dazu ist der rasante Ausbau bereits existierender Städte zu Mega-Cities." Xie, dessen Thesen nicht unumstritten sind &endash; zumal er keinerlei Konzepte präsentieren kann, wie beispielsweise die Sicherheit für die Bewohner der Staat-Städte garantiert wird &endash; vertritt den Ansatz „the bigger, the better".
Ein modernes Transportsystem soll die Superstädte der Zukunft benützbar machen, High-Tech-Telekommunikation für die sozialen und beruflichen Bedürfnisse ihrer Bewohner sorgen.
Vor allem im asiatischen Raum, wo der Bevölkerungsdruck enorme Ausmaße annimmt, gehen immer mehr Architekten und Finanziers mit derartigen Megaplexen schwanger. Ganze Straßenzüge werden zu „Arkologien" umgebaut, die in ihrem Inneren alles bieten, was der wohlhabende Durchschnittsbürger zum Leben braucht &endash; von Wohnungen und Spitälern über Einkaufszentren und Friseurläden bis hin zu Restaurants und Entertainment-Möglichkeiten. Niemand wird diese von privaten Sicherheitsfirmen kontrollierten und überwachten Riesenbauwerke mehr verlassen müssen, um seine Bedürfnisse zu stillen.
Die Megastädte der Zukunft, in denen die Bevölkerung von halb Kanada Platz finden soll, sollen in „Dörfer" unterteilt sein &endash; Lebenseinheiten, die jede für sich wie autonome Komplexe funktionieren. Zhou Yixing, Geographieprofessor an der Universität von Peking, ortet die chinesische Metropole, aber auch Städte wie Tianjin und Shanghai als natürliche Kandidaten für den Umbau zur sogenannten „Megapolis". Alleine die Vernetzung von Peking und Tianjin würde knapp 20 Millionen Menschen und ein Gebiet mit einer Länge von mehr als 110 Kilometer betreffen.
Während Experten wie Xie und Yixing das Loblied von der Megastadt singen, sehen andere Wissenschaftler diesen angeblichen Trend eher skeptisch &endash; wie beispielsweise John Sloghert von der legendären US-Ideenschmiede MIT (Massachussetts Institute of Technology). „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß eine Stadt mit solchen Ausmaßen lebenswert sein soll", formuliert er seine Zweifel. Auch das Zusammenwachsen von Wohn- und Shopping-Komplexen zu „autonomen" Anlagen ist ihm nicht ganz geheuer: „Was wird der nächste Schritt sein, wenn wir sämtliche Malls mit Wohnbereichen ausgestattet haben und mitten im Einkaufszentrum leben? Werden sich die Wohnanlagen dann auch Friedhöfe, Krematorien und Behandlungsräume zulegen, um wirklich autonom zu sein? Wird es in 20 Jahren normal sein, sein ganzes Leben mehr oder weniger in einer einzigen Anlage zu verbringen?"
Eine bizarre Vorstellung, die von der Realität im Moment zwar noch weit entfernt ist, aber in immer greifbarere Nähe rückt: „Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten", sagte etwa UNO-Generalsektretär Kofi Annan anläßlich der Eröffnung von Urban 21 (einer Weltkonferenz zur Zukunft der Städte) im Jahr 2000. „In nur 25 Jahren werden zwei Drittel aller Menschen in Städten leben." Das rascheste Wachstum werde in den Entwicklungsländern stattfinden, so Annan.
Dort leben nach UN-Berechnung bereits 27,7 Prozent der Stadtbevölkerung unter der Armutsgrenze. In Afrika südlich der Sahara sind es sogar 41,6 Prozent. „Im besten Fall sind die Städte der Zukunft die Motoren des Wachstums und Brutstätten der Kultur.
Dieselben Städte können aber auch Orte der Ausbeutung, Krankheit, der Gewaltverbrechen und Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und extremen Armut sein."
Laut Annan werde es im Jahr 2025 weltweit knapp 100 Städte mit jeweils mehr als fünf Millionen Einwohnern geben; angeführt von einigen Megastädten mit „über 30 Millionen Einwohnern".
Life in the gasworks
Konkrete Konzepte bleiben die Erbauer der Zukunft bislang allerdings weitgehend schuldig. Lediglich die Richtung wird von Asien bis Wien vorgegeben, wie man zum Beispiel an den größenwahnsinnig anmutenden Büroturm/Einkaufs/Reißbrett-Fun-Komplexen an den Rändern westlicher Städte oder &endash; weitaus exemplarischer &endash; am Wiener Gasometer-Projekt sieht.
Die architektonisch wertvollen ehemaligen Stadtgasbehälter, die bis zur Umwidmung als Wohnhausanlage Anfang der 90er eher ungeliebt im Weg herumstanden, haben in ihrer Kombination von Lebensraum und Entertainment-Bereich europaweit Modellcharakter. Ist man erst einmal in den Mikrokosmos dieses Bauwerks eingedrungen, dann findet man sich als Besucher in einer künstlichen Welt ohne Tageszeiten und Klimaschwankungen. Der Einkaufsbereich mit seinen Geschäften, Shops, Restaurants, Kinos, Banken und kleinen Läden wird zur Hauptstraße, die die Existenzen der Bewohner und Besucher via Kommerz miteinander verbinden soll. Beim Verlassen des Wohnbereichs gelangt man unweigerlich auf den künstlichen Entertainment-Broadway, der zugleich der einzige Weg nach draußen ist. Knapp 800 Wohnungen enthalten die Wiener Gasometer, in Konfektionsgrößen vom Single-Appartment bis zur Familienwohnung, Studentenheim inklusive.
„Die wenigsten Leute, die hier wohnen, arbeiten auch hier", entkräftet der Graphiker und Gasometer-Mieter Ewald Frühwirth vom Start weg das Vorurteil, das Leben im Megaplex würde jeden Kontakt mit der Außenwelt überflüssig machen. „Einige EDV-Experten haben ihre Büros hier, aber ansonsten sind die Menschen bei der Eröffnung von ganz unterschiedlichen Orten hierher gekommen und haben ihre Wurzeln oft noch in anderen Stadtteilen." Frühwirth war einer der ersten, die im Gasometer eingezogen sind, und betreibt heute eine Website, auf der die Aktivitäten in „seinem" Wohnkomplex nachgelesen werden können.
„Bemerkenswert ist die Community, die sich hier recht bald hier gebildet hat", bringt Frühwirth die positiven Aspekte der zukunftsträchtigen Siedlung auf den Punkt. „Praktisch jeder hat Internet in der Wohnung. Wir kommunizieren sehr viel über Message-Boards. Wenn du beispielsweise nicht alleine einen Kaffee trinken gehen willst, schreibst du eine kurze Nachricht &endash; und du bekommst mit Sicherheit Gesellschaft."
Gerade weil das Leben im Gasometer nicht perfekt ist (die Probleme reichen von rostenden Türschlössern bis hin zu verschneiten Gängen, in denen sich kleine Biotope bilden), halten die Leute zusammen.
Bislang gab es in den Wiener Gasometern erst einen Selbstmord: Im Frühjahr 2002 nahm sich ein junges Mädchen in seiner Wohnung das Leben. Hier versagte die gelobte Community; das Opfer wurde erst nach über einer Woche gefunden, als die Geruchsbelästigung in den Nachbarwohnungen zu stark wurde.
Für Ewald Frühwirth spricht das aber nicht gegen das Funktionieren der Gasometer-Community: „Den Selbstmord hätte man vermutlich auch woanders nicht verhindern können", meint er. Die Menschen sind eben nicht alle gleich, und die neugegründete Gemeinschaft soll zwar Verbindungen schaffen, aber niemanden normieren.
Von seinem Arbeitszimmer aus kann der Graphiker auf den Bezirk Simmering hinunterschauen &endash; noch, denn schon im kommenden Jahr wird ihm ein 70 Meter hoher Büroturm, der sich gerade in der Planungsphase befindet, die Aussicht verstellen. Der Blick in einen künstlichen Innenhof kann einen bizarren Eindruck nicht verleugnen: Selten findet man anderswo im sechsten Stock Bäume, einen gefällig geschnittenen Rasen mit Sträuchern und eine Stahlkonstruktion, die sich wie ein Spinnengeflecht über den Himmel erstreckt. Vom kreisförmigen Innenhof aus gesehen, wirken die auf den Einkaufsbereich aufgesetzten Wohntürme wie die bemühte Nachbildung eines Sozialbaus im Arbeiterviertel. Anders als bei Biosphere 2 sind Flora und Fauna allerdings dem Wiener Wetter ausgesetzt; was auf den ersten Blick wie eine Lebenserhaltungskuppel aussieht, ist nämlich alles andere als ein undurchlässiger Deckel. „In den Gasometern regnet und schneit es, wie überall anders auch", sagt Frühwirth.
Hinter der Stahlkonstruktion liegt eine tote Stadt. In unmittelbarer Umgebung der Gasometer gibt es nichts, was den Weg „nach draußen" lohnen würde. Im Ansatz sind sich die Gasometer und die Biosphere-Wüstensiedlung also recht ähnlich: sie ermöglichen uns den Blick auf jene Welt, die nach dem Umweltkollaps auf uns wartet. Bloß, daß die Dachkonstruktion dann luftdicht sein wird… |